Christine Heidemann:
Zu den Arbeiten von Erika Krause

Die Maserung des Holzes, das Gewebe der Leinwand, die Fasern des Papiers… Buntstift, Graphit oder Tusche? Ein Abtasten der Oberfläche, ein Abwägen des erstens Strichs.
Und dann ist die Hand auf einmal schneller als der Kopf, eine Linie entsteht und wird länger, krümmt sich und bricht dann plötzlich ab. Eine neue Linie daneben, darüber. Die Farbe trocknet, die Linie wird übermalt, verwischt und eine neue legt sich darauf. Formen wachsen und verschwinden wieder, verschlingen sich miteinander, treten in Dialog. Dabei lassen sie neben, über oder unter sich immer noch Platz auf dem Untergrund: Leerräume oder Peripherien, die konstitutiv sind für den Charakter jedes einzelnen Bildes und die zugleich wichtige Freiräume darstellen für das Bild und für die Gedanken der Betrachter.

Es gibt keine eindeutigen Formen in Erika Krauses Bildern. Mal meint man vielleicht eine Pflanze zu erkennen oder einen Umriss von etwas. Aber im nächsten Moment entzieht sich dieses wieder der Wahrnehmung. Das Bild bleibt abstrakt und es sind nur Ahnungen von etwas Konkreterem, das auftaucht und wieder verschwindet, um der nächsten Assoziation Platz zu machen. So als ob man die Maserung von Holz oder die sich verändernden Wolken am Himmel betrachtet und plötzlich darin eine Figur zu erkennen meint. Dieses Oszillieren zwischen Fassbarem und Ephemerem ist die ganz besondere Qualität von Erika Krauses Bildern, die nicht laut daher kommen, sondern leise und fein. Doch wenn man ihnen Raum gibt – im tatsächlichen wie im übertragenen Sinne – dann erscheint etwas vor dem Auge des Betrachters: Eine Ahnung vielleicht nur, eine Stimmung oder etwas ganz Eindeutiges, das zumindest für den Moment, indem die Augen auf das Bild blicken, Bestand hat. Diese Leichtigkeit zu erreichen, ist bei der Arbeit an diesen Bildern das Schwerste und, wenn sie erreicht wird, zugleich das Beglückendste.
Die Unschärfen und das Fragmentarische und die meist hellen, leichten und oft zarten Farben der Bilder erzeugen eine Art sanftes Flirren der Bilder, das den Blick anzieht und hält und ihm gleichzeitig größtmögliche Freiheit gibt auf der Bildfläche und über deren Ränder hinaus zu wandern.

Erika Krauses zeichnerische Arbeiten entstehen aus der Hand, oft spontan. Ihre Entscheidung für ein großes oder kleines Format und die Materialität der von ihr gewählten Bilduntergründe sind die ersten Schritte zum Bild. Dessen Charakter wird maßgeblich dadurch bestimmt, ob sie auf Holz, Papier oder Leinwand arbeitet. Dann folgen – falls vorhanden – die Grundierung und schließlich die Farben mit ihren Überlagerungen und Überschneidungen. Ähnlich wie beim Prinzip der surrealistischen ‚écriture automatique’, bei der das Ziel ist, gewissermaßen ohne nachzudenken einfach loszuschreiben, entwickelt sich Erika Krauses zeichnerische Arbeit genau in dem Moment, in dem sie entsteht.1

Sie folgt keinem vorgefertigten Entwurf oder Konzept, sondern die Entscheidungen resultieren zuallererst aus der Arbeit mit dem Material.
Oft meint man, nicht nur Umrisse von etwas zu erkennen, sondern auch Textfragmente oder Schriftzeichen. Genau wie die zarten Formen entschwinden sie dem Blick im nächsten Moment wieder, dennoch bleibt der Eindruck einer Schrift oder einer vielleicht geheimen Sprache bestehen, deren Entschlüsselung noch aussteht. Wie die antike Erzählerin Arachne, die ihre Geschichten in ihre Teppiche einwebte, legt Erika Krause schriftähnliche Spuren in ihren Bildern aus, die jedoch anders als bei Arachne eher lockere Gewebe darstellen, deren Zwischenräume und lose Enden Raum geben für die Phantasie der Betrachter.

Mit jedem Bild beginnt Erika Krause aufs Neue: Wie ein weißes Blatt liegt die Fläche vor ihr in Erwartung dessen, was auf ihr geschehen wird. John Locke, der englische Philosoph der Aufklärung, ging davon aus, dass der Mensch nicht im Besitz angeborener Ideen sei. Im Rahmen seiner Erkenntnistheorie stellte er die These auf, dass das Bewusstsein mit einem ‚white paper’ vergleichbar sei, einem weißen Blatt, dass im Laufe der Zeit aufgrund sämtlicher Erfahrungen, die der Mensch mache, beschrieben werde. Ein wenig ähnlich verhält es sich mit Erika Krauses Bildern, auf deren zunächst leeren Flächen mit den fast organisch wachsenden Linien und Formen eine eigene Welt erschaffen wird, die ihre eigene Sprache, ihr eigenes Bewusstsein entwickelt. Innerhalb dieses Kosmos’ lassen sich Wahl- oder Seelenverwandtschaften zu kunsthistorischen Vorläufern ausmachen: die Kunst des Surrealismus oder Paul Klees, die Zeichnungen Louise Bourgeois’ aber auch die schwebenden Muster Henri Matisses lassen sich assoziieren. Und folgt man der Linie weiter zurück in die Vergangenheit dann stößt man auf Philipp Otto Runge und seine Scherenschnitte an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert. Denn auch in Erika Krauses Werk nimmt der Scherenschnitt neben den malerisch-zeichnerischen Arbeiten einen besonderen Platz ein. Es ist eine Art Zeichnen in der dritten Dimension. Runge „denkt und erlebt in Zusammenhängen, Übergängen, Vertauschungen und Metamorphosen“2 und eines seiner liebsten künstlerischen Medien war dabei der Scherenschnitt, den er zu großer Könnerschaft entwickelte. Was aber bei Runge noch der Versuch war, mithilfe des Papiers die Silhouette einer Pflanze, eines menschlichen Gesichts oder eines Gegenstandes möglichst genau einzufangen, so führt Erika Krause ihre Linien – auch in ihren Scherenschnitten – in viel freiere, assoziativere Bereiche. Nicht selten sind die Formate ihrer Scherenschnitte sehr groß und reagieren direkt auf den Raum, in dem sie präsentiert werden. Wie auch bei größeren Formaten ihrer Zeichnungen oder auch Arbeiten direkt an der Wand des jeweiligen Ausstellungsraums ist hier am Entstehungsprozess nicht nur die Hand, sondern der ganze Körper beteiligt. Doch auch die großen Arbeiten sind oft von großer Zartheit und legen ihr Netz aus Linien und Assoziationen unaufdringlich und doch eindringlich aus.

August 2016

 

1 Auch surrealistische Künstlerinnen wie etwa Leonora Carrington oder Dorothea Tanning bedienten sich in ihrer malerischen und zeichnerischen Praxis der Methode der ‚écriture automatique’. Vgl. dazu Isabelle Graw: Wie von selbst. Über die Aktualität der „Écriture Automatique“, in: Texte zur Kunst, Heft 48, Dez. 2002, S. 40–44.

2 Werner Hofmann: Vom Komischen bis ins Unendliche, in: Philipp Otto Runge: Scherenschnitte, Frankfurt am Main, 1977, S. 57–69, hier S. 59.